RM: Schienengüterverkehrsunternehmen stehen häufig vor Problemen im Zusammenhang mit der Überladung von Waggons. Wie geht Cargomon dieses Problem an?
Stefan Mahlknecht, Cargomon: Überladung ist ein großes Problem, insbesondere aufgrund der strengen Kontrollen an den Bahnhöfen in Österreich und der Schweiz, aber nicht nur dort. Um Strafen zu vermeiden, beladen die Betreiber die Waggons oft absichtlich zu wenig, was ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Straßentransport verringert. Die Sensortechnologie von Cargomonliefert präzise Lastmessungen in Echtzeit, die es den Betreibern ermöglichen, die Ladekapazitäten sicher zu optimieren und so die Effizienz um potenziell 10-20 % zu steigern.
RM: Welche Güterverkehrssektoren profitieren besonders von den Sensortechnologien von Cargomon?
Stefan Mahlknecht, Cargomon: Unsere Lösungen bieten derzeit erhebliche Vorteile im Holz- und Schrotttransport, vor allem bei offenen Waggons. Rail Cargo Austria setzt beispielsweise unsere Echtzeit-Wiegelösung für Holzwaggons ein. Die Bediener können die exakten Ladedaten über Bluetooth direkt auf ihrem Mobiltelefon sehen, auch an abgelegenen Orten ohne Internetverbindung, was die Optimierung der Ladung und die Sicherheit deutlich verbessert.
RM: Der Transport von Metallschrott ist aufgrund ungleichmäßiger Ladungen bekanntermaßen eine Herausforderung. Wie genau helfen Ihre Sensoren in diesen Situationen?
Stefan Mahlknecht, Cargomon: Ungleichmäßig beladene Waggons stellen ein Risiko für verrutschte Ladungen dar, die Drehgestelle und Gleisinfrastruktur schwer beschädigen können. Unsere Sensoren überwachen die Gewichtsverteilung der Waggons kontinuierlich und in Echtzeit. Tritt eine gefährliche Lastverschiebung auf, erhalten die Lokführer rechtzeitig eine Warnung, so dass sie die Geschwindigkeit schnell anpassen oder den Waggon aus dem Verkehr ziehen können, um schwerwiegende Zwischenfälle zu verhindern.
RM: Sie erwähnten kürzlich innovative, an der Achse montierte Sensoren zur Erkennung von Rad- und Lagerproblemen. Können Sie das näher erläutern?
Stefan Mahlknecht, Cargomon: Ja, das ist eine wichtige neue Entwicklung. Unsere Achssensoren erkennen Flachstellen an Rädern, Lagerschäden und Überhitzung. Sie sind kostengünstig und lassen sich einfach durch Kleben oder Schrauben montieren, was sie ideal für den breiten Einsatz in Güterwagen macht. Derzeit laufen Feldtests, und wir planen die Markteinführung bis Ende des Jahres. Damit wird die Sicherheit bei der Wartung deutlich erhöht und die Ausfallzeiten werden reduziert.
RM: Bahnfrachtunternehmen verlangen in der Regel keine allgemeinen Pakete, sondern sehr individuelle Lösungen. Wie reagiert Cargomon auf solche spezifischen Anforderungen?
Stefan Mahlknecht, Cargomon: Standardisierte Bündel entsprechen in der Regel nicht den vielfältigen betrieblichen Anforderungen unserer Kunden. Jeder Kunde und jeder Waggontyp hat seine eigenen Anforderungen an die Sensoren. Wir beginnen damit, diese spezifischen Anforderungen zu verstehen und liefern maßgeschneiderte Sensorkombinationen, die eine optimale Kosteneffizienz und Effektivität gewährleisten. Unsere Kunden, darunter DB Cargo und Rail Cargo Austria, setzen oft gezielt bestimmte Sensorsätze ein, die genau auf ihre Betriebsstrategien abgestimmt sind.
RM: Können Sie erläutern, wie Ihr Unternehmen in erster Linie zu Lösungen für den Schienengüterverkehr gekommen ist?
Stefan Mahlknecht, Cargomon: Cargomon begann 2009 mit dem Schwerpunkt auf Container- und Lkw-Telematik. Ab etwa 2017 haben jedoch die Schienengüterverkehrsbetreiber die Einführung der Telematik deutlich beschleunigt und sind damit großen Akteuren wie der VTG gefolgt. Als Reaktion auf diese Marktverschiebung macht der Schienenverkehr nun den größten Teil unseres Geschäfts aus. Dank unserer Fähigkeit, komplette, flexible Sensor-Suiten zu wettbewerbsfähigen Preisen anzubieten, konnten wir unsere Präsenz im Bahnsektor erfolgreich etablieren.
RM: Erwarten Sie, dass Telematiksysteme wie in der Lkw-Industrie zur Standardausrüstung von Güterwagen werden?
Stefan Mahlknecht, Cargomon: Nicht in naher Zukunft. Die Hersteller von Güterwagen bauen traditionell Wagen streng nach Kundenspezifikationen, ohne proaktiv Telematik zu integrieren. Das könnte sich zwar irgendwann ändern, aber derzeit wird die Telematik in den Waggons ausdrücklich von den Anforderungen der Endnutzer bestimmt, die sich von Betreiber zu Betreiber und deren Kunden erheblich unterscheiden.
RM: Welche Auswirkungen hat die künftige Implementierung der digitalen automatischen Kopplung (DAC) auf den Einsatz von Telematiksensoren?
Stefan Mahlknecht, Cargomon: DAC bleibt eine erhebliche Unsicherheit in der Branche. Viele Betreiber sind vorsichtig, wenn es um größere Investitionen in Bremssensoren geht, bis Klarheit über die DAC-Spezifikationen und den Zeitplan besteht. Ich gehe zwar davon aus, dass DAC irgendwann eingeführt wird, aber wahrscheinlich später als von vielen erwartet. Diese Ungewissheit stellt derzeit eine Herausforderung für die vollständige Digitalisierung dar, schmälert aber nicht den allgemeinen Trend zu mehr sensorgestützter Innovation.