Der Schienenverkehr in Mittel- und Osteuropa tritt in seine nächste Phase ein – intelligenter, interoperabler, digitaler (Teil II)

Der Schienenverkehr in Mittel- und Osteuropa tritt in seine nächste Phase ein – intelligenter, interoperabler, digitaler (Teil II)
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Zweiter Teil des Interviews von Railmarket.com mit Tanja Kienegger – Geschäftsführerin von Siemens Mobility Austria

Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews

III. Software und Digitalisierung – Serbien, Slowenien und darüber hinaus

RAILMARKET.com: Im Januar 2024 unterzeichnete das serbische Ministerium für Bau, Verkehr und Infrastruktur einen Vertrag über TPS.plan, die von Hacon entwickelte Software für Fahrplan- und Trassenmanagement. Wie ist der aktuelle Stand der Umsetzung, und welche messbaren Veränderungen können serbische Betreiber und Fahrgäste erwarten, sobald das System in Betrieb ist?

Tanja Kienegger: Die Umsetzung von TPS.plan in Serbien ist bereits weit fortgeschritten. Nach der Vertragsunterzeichnung im Januar 2024 haben habenSiemens Mobility und seine Tochtergesellschaft Hacon die Systeminstallation, die kundenspezifische Konfiguration sowie die Erstellung einer vollständigen digitalen Kopie des rund 3.300 Kilometer langen serbischen Schienennetzes abgeschlossen. Zentrale Prozesse der Fahrplan- und Trassenplanung sind nun automatisiert und in externe Überwachungssysteme integriert.

Mit der vollständigen Inbetriebnahme des Systems werden die Betreiber von einer deutlich schnelleren Fahrplanerstellung, weniger Planungskonflikten und geringeren Fehlerquoten profitieren. Die Fahrgäste werden die Vorteile direkt in Form stabilerer Fahrpläne, einer besseren Abstimmung zwischen Personen- und Güterverkehr sowie einer insgesamt höheren Zuverlässigkeit spüren.

Nach der Vertragsunterzeichnung im März 2024 freuen wir uns, dass die Implementierung von TPS.plan in Serbien bereits abgeschlossen ist. Im Einzelnen haben Siemens Mobility und seine Tochtergesellschaft Hacon die Systeminstallation, die kundenspezifische Konfiguration sowie die Erstellung einer vollständigen digitalen Kopie des rund 3.300 Kilometer langen serbischen Schienennetzes abgeschlossen. Die zentralen Prozesse der Fahrplan- und Trassenplanung sind nun automatisiert und in externe Überwachungssysteme integriert.

Mit der vollständigen Inbetriebnahme des Systems werden die Betreiber von einer deutlich schnelleren Fahrplanerstellung, weniger Planungskonflikten und geringeren Fehlerquoten profitieren. Die Fahrgäste werden die Auswirkungen direkt durch stabilere Fahrpläne, eine bessere Abstimmung zwischen Personen- und Güterverkehr sowie eine insgesamt höhere Zuverlässigkeit spüren – eine spürbare Verbesserung, die im Rahmen des serbischen Eisenbahnmodernisierungsprogramms 2021–2029 umgesetzt wird.

© Siemens Mobilty
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RAILMARKET.com: Das TPS.plan-Projekt in Slowenien nähert sich seiner Endphase. Könnten Sie uns einen Überblick über den aktuellen Stand geben, welche Faktoren den Zeitplan beeinflusst haben und was nach der Inbetriebnahme geschehen wird?

Das TPS.plan-Projekt in Slowenien befindet sich in der Endphase, derzeit laufen die abschließenden Kundentests. Die Fertigstellung wird für diesen Sommer erwartet. Danach tritt der Wartungsvertrag in Kraft. Der Kunde plant, im Herbst 2026 mit der Planung und Einrichtung der Zugtrassen zu beginnen.

RAILMARKET.com: Aus dem gesamten Software-Portfolio von Siemens Mobility – Train2Cloud, Signaling X, RailXplore, MaaS – welche Produkte sind für Infrastrukturbetreiber und Verkehrsunternehmen in Mittel- und Osteuropa in den nächsten drei Jahren am relevantesten, und wo sehen Sie hier den entsprechenden Budgetrahmen?

Tanja Kienegger: In den kommenden Jahren wird Software, die die Zuverlässigkeit, Kapazität und Kosteneffizienz bestehender Anlagen direkt verbessert, für Infrastrukturbetreiber und -verwalter von größter Bedeutung sein. Damit stehen Lösungen wie Signaling X und RailXplore ganz oben auf der Agenda. Virtualisierte Signaltechnik, cloudbasierte Stellwerke und eine zentralisierte Verkehrssteuerung entwickeln sich zu echten Wegbereitern, die es Betreibern ermöglichen, große Teile des Netzes aus der Ferne zu verwalten, die Kapazität zu erhöhen und die Instandhaltungskosten um bis zu 30 Prozent zu senken. Hier stehen zunehmend Mittel zur Verfügung, da diese Investitionen eng mit der Netzleistung, der Sicherheit und den Anforderungen der TEN-T-Korridore verbunden sind.

Gleichzeitig gewinnen Train2Cloud und das digitale Anlagenmanagement an Bedeutung, insbesondere dort, wo Betreiber mit einer alternden Flotte und Fachkräftemangel konfrontiert sind. Vorausschauende Instandhaltung und datengestützte Entscheidungsfindung tragen dazu bei, die Verfügbarkeit zu sichern und die Lebenszykluskosten zu senken. MaaS-Lösungen sind nach wie vor eher selektiv und städtespezifisch, während der automatisierte Zugbetrieb zunächst in U-Bahn- und S-Bahn-Netzen voranschreitet.

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IV. Infrastruktur und Elektrifizierung – der Sub-Balkan-Korridor

RAILMARKET.com: Die Modernisierung des 110/25-kV- Traktionsumspannwerks Tvarditsa sowie der Stützpunkt Nikolaevo liegen am bulgarischen Sub-Balkan-Korridor Sofia–Karlovo–Burgas – einer Strecke, die die Güterverkehrsverbindung zwischen Deutschland und der Türkei über Vectron-zugelassene Gleise vervollständigt. Wie fügt sich dieses Projekt in das übergeordnete Elektrifizierungs- und SCADA-Geschäft von Siemens Mobility in Mittel- und Osteuropa ein?

Tanja Kienegger: Die Modernisierung des 110/25-kV-Traktionsumspannwerks Tvarditsa und des Abschnitts Nikolaevo fügt sich nahtlos in das Kerngeschäft von Siemens Mobility in den Bereichen Elektrifizierung und SCADA in Mittel- und Osteuropa ein. Auf der Strecke Sofia–Karlovo–Burgas lieferte Siemens Mobility wichtige 110-kV- und 25-kV-Traktionsstromversorgungsanlagen sowie Schutzsysteme auf Basis von SIPROTECT 5 und eine vollständig integrierte SCADA- und Fernsteuerungslösung.

Das Projekt verdeutlicht die Fähigkeit von Siemens Mobility, Hochspannungs-Antriebsstrom, digitale Schutztechnik und zentrale Steuerung in einem einzigen, interoperablen System zu vereinen, das mit der regionalen Leitstelle in Plovdiv verbunden ist. Dieser integrierte Ansatz ist von zentraler Bedeutung für unsere Elektrifizierungsstrategie in Mittel- und Osteuropa und unterstützt den zuverlässigen Betrieb wichtiger internationaler Güterverkehrskorridore sowie die langfristige Modernisierung der Infrastruktur.

RAILMARKET.com: Stromversorgung und Signaltechnik sind für Fahrgäste in der Regel unsichtbar, stellen jedoch den eigentlichen Engpass für Kapazität und Geschwindigkeit dar. Wo wird Ihrer Meinung nach heute in Mittel- und Osteuropa am wenigsten investiert – in den Wagenpark, in die Signaltechnik und den ETCS-Ausbau oder in die Traktionsstromversorgung und Umspannwerke – und wie sieht die richtige Reihenfolge für einen Betreiber mit begrenztem Budget aus?

In Mittel- und Osteuropa besteht der größte Investitionsrückstand nicht beim Rollmaterial selbst, sondern bei der Signaltechnik, dem ETCS und der digitalen Steuerung der Traktionsstromversorgung. Viele Betreiber verfügen bereits über Züge, die zu höherer Leistung fähig sind, doch Kapazität und Zuverlässigkeit werden durch veraltete Signaltechnik und Stromversorgung eingeschränkt, die nicht digital gesteuert werden. Für einen Betreiber mit begrenztem Budget besteht die richtige Vorgehensweise daher darin, zunächst in die digitale Modernisierung der Signal- und Stromversorgungsinfrastruktur zu investieren, da dies mehr Kapazität, eine bessere Pünktlichkeit und eine effizientere Energienutzung der bestehenden Flotte ermöglicht. Sobald diese Einschränkungen beseitigt sind, liefern Investitionen in neues Rollmaterial deutlich höhere und besser vorhersehbare Renditen.

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V. Stadtbahnen und U-Bahnen

RAILMARKET.com: Die Flotte der Linie 3 der Sofiaer U-Bahn wird auf 38 Inspiro-Züge anwachsen, sobald das SIMETRO-Konsortium die letzten acht Einheiten für die Verlängerung Slatina–Tsarigradsko Shose liefert, die für die zweite Hälfte des Jahres 2026 geplant ist. Liefern die Lieferungen nach Plan, und um welche nächste Ausschreibungsphase im Sofioter Nahverkehrsnetz bereitet sich Siemens Mobility gerade vor?

Tanja Kienegger: Die dynamischen Tests mit Zügen für die drei neuen U-Bahn-Stationen sind bereits abgeschlossen, und die verbleibenden Sicherheitsprüfungen laufen derzeit. Die Aufnahme des Personenverkehrs auf der Verlängerung wird für den Sommer erwartet. Gleichzeitig befinden sich die letzten acht „Inspiro“-Züge bereits in der Produktion; die Auslieferung soll noch in diesem Jahr beginnen.

Was den Ausbau der Strecke Slatina–Tsarigradsko Shose betrifft, dauern die Bauarbeiten noch an. Ausgehend vom aktuellen Stand der Bauarbeiten wird die Fertigstellung des Ausbaus voraussichtlich nicht vor 2028 erfolgen.

Normalerweise äußern wir uns nicht dazu, an welchen Ausschreibungen wir teilnehmen werden, aber wir wären natürlich daran interessiert, anstehende Möglichkeiten zu prüfen, um die Eisenbahn für unsere Kunden und deren Fahrgäste weiter zu modernisieren.

RAILMARKET.com: Der Auftrag aus Sofia – Inspiro auf der Linie 3, vierteilige Züge von Škoda auf den Linien 1, 2 und 4 – ist ein gutes Beispiel dafür, dass U-Bahn-Betreiber zunehmend auf mehrere Lieferanten setzen. Wie hebt Siemens Mobility den Inspiro auf einem mitteleuropäischen Markt hervor, auf dem der preisorientierte Wettbewerber (Škoda, in diesem Fall CAF oder Stadler in anderen Fällen) eine echte Konkurrenz darstellt?

Tanja Kienegger: Sofia ist ein gutes Beispiel dafür, wie U-Bahn-Betreiber zunehmend mit gemischten Flotten und mehreren Lieferanten arbeiten. Siemens Mobility fühlt sich in diesem Umfeld sehr wohl, da die Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern ein fester Bestandteil unserer Projektabwicklung ist.

Wir verfügen über umfangreiche Erfahrung in der Zusammenarbeit in Konsortien und mit anderen Herstellern von Schienenfahrzeugen. Dazu gehören U-Bahn-Projekte in Warschau und Sofia mit Newag sowie Projekte für neue Züge, die gemeinsam mit Stadler in Kopenhagen und Berlin realisiert wurden. Diese Referenzen belegen unsere Fähigkeit, Technologien zu integrieren, Schnittstellen zu verwalten und eine reibungslose Lieferung in komplexen Umgebungen mit mehreren Lieferanten sicherzustellen.

Für die Betreiber bedeutet dies Flexibilität, Interoperabilität und ein geringeres Lieferrisiko. Siemens Mobility ist ein bewährter Partner bei Strategien mit mehreren Lieferanten und in der Lage, den langfristigen Ausbau des Netzes über verschiedene Linien und Flotten hinweg zu unterstützen.

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VI. Schlusswort – Ihre Einschätzung der Region

RAILMARKET.com: Siemens Mobility Austria leitet seit Jahren die Vertriebsregion CEE. Sie kamen von der ÖBB-Infrastruktur zu Siemens, wo Sie den Einsatz erneuerbarer Antriebsenergie in Richtung des 80-Prozent-Ziels für 2030 vorangetrieben haben. Was ist nach fast drei Jahren in der Rolle des CEO der am meisten unterschätzte strukturelle Vorteil, den die CEE für den Schienenverkehr bietet?

Tanja Kienegger: Es ist eine Kombination aus soliden Grundlagen im Schienenverkehr und hochqualifizierten Fachkräften in der gesamten Region. Die Schiene bleibt ein Kernbestandteil der nationalen Verkehrssysteme, gestützt durch dichte Netze, eine solide Ingenieurstradition und Teams mit fundiertem betrieblichen Know-how. Aus Sicht von Siemens Mobility vereint die CEE-Region erfahrene Eisenbahnfachleute, Systemingenieure und Projektmanager, die sowohl die bestehende Infrastruktur als auch moderne digitale Lösungen verstehen. Dies schafft eine starke Grundlage für die Modernisierung – und ermöglicht es den Betreibern, Leistung und Nachhaltigkeit zu verbessern, indem sie auf bestehenden Anlagen aufbauen, anstatt bei Null anzufangen.

RAILMARKET.com: Wenn Sie ein Projekt nennen müssten, von dem Sie erwarten, dass Siemens Mobility es 2026 oder 2027 in Mittel- und Osteuropa unterzeichnen wird, über das der Markt aber noch nicht spricht – welches wäre das?

Tanja Kienegger: In der Tat arbeiten wir an einigen interessanten Projekten, die wir vielleicht noch in diesem oder im nächsten Jahr bekannt geben werden. Aber im Moment kann ich Ihnen leider mitteilen, dass Siemens Mobility grundsätzlich keine Stellung zu Verträgen nimmt, die noch nicht abgeschlossen sind. Wenn Sie jedoch eher nach Signalen als nach Ankündigungen suchen, ist das jüngste Projekt in Rumänien ein gutes Beispiel dafür, was für Siemens Mobility – und für den CEE-Markt – wirklich zählt.

Rumänien zeigt, wie die Region über vereinzelte Modernisierungsmaßnahmen hinaus zu einer integrierten, langfristigen Modernisierung der Eisenbahnsysteme übergeht: durch die Kombination von Infrastruktur, Digitalisierung und betrieblicher Effizienz. Projekte wie dieses sind nicht nur wegen ihres Umfangs wichtig, sondern auch, weil sie ein Vorbild schaffen, das andere MOE-Länder nun genau beobachten. Hier sehen wir, wie sich die Dynamik für die Jahre 2026 und 2027 aufbaut.

RAILMARKET.com: Vielen Dank für das Interview


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